Ashtanga leitet sich aus den Sanskritwörtern „Ashta“ und „Anga“ ab. Aus dem Sanskrit übersetzt bedeutet „Ashta“ acht und „Anga“ Glied. Ashtanga Yoga kann somit als der „achtgliedrige“ Yogapfad verstanden werden. Der Ashtanga Yoga wurde vom indischen Weisen Patanjali im zweiten Teil des Textes Die Yoga Sutren beschrieben. Dieser auf 195 Sanskrit-Versen aufbauende Text ist in vier Teile gegliedert und versteht sich als Leitfaden des Yoga. Patanjali war der erste, der die bis dahin nur mündlich weitergegebene Lehren schriftlich zusammengefasst hat. Über das Leben von Patanjali ist sehr wenig bekannt. Die Yogasutren erklären in 195 Versen die zentralen Begriffe und die Methoden um zum Ziel des Yoga, die Erkenntnis des Selbst durch zur Ruhe Bringung des Geistes – „Yogas citta vritti nirodah“, zu erreichen. In 16 der 195 Sutren beschreibt Patanjali den achtgliedrigen Yogaweg, den Ashtanga Yoga, mit konkreten Methoden und Techniken. Patanjali betont dabei zwei zentrale Begriffe, welche die Hauptmittel zur Erreichung des Yogaziels darstellen:

Abhyasa meint die regelmäßige Yoga Praxis, also die psychophysischen Übungen über einen langen Zeitraum mit einer Einstellung von starker Entschlossenheit und Überzeugung zu üben. Vairaghya bezeichnet die Loslösung, meint die Kultivierung einer inneren Distanz oder Losgelöstheit.

Die acht Glieder des Asthanga Yoga

Zu den acht Gliedern des Ashtanga Yoga gehören Yama und Niyama. Yama und Niyama können als Regeln zur Kultivierung des Denkens und Handelns verstanden werden.
Weitere Glieder sind Asana (Körperhaltungen), Pranayama (Atemkontrolle), Pratyahara (Zurückziehen der Sinne), Dharana (Konzentration), Dhyana (Meditation) und Samadhi (Kontemplation).

Yama wird in fünf moralische Prinzipien unterteilt die darauf hinweisen, wie Individuen mit anderen Menschen, Lebewesen und der Umwelt interagieren sollen, damit sie ein erfülltes und harmonisches Leben führen können.

Bei den fünf Niyamas stehen das Erlangen von Zufriedenheit, die körperliche innere und äußere Reinheit sowie die spirituelle Entfaltung im Vordergrund. Die Auseinandersetzung mit den Yamas und Niyamas kann zu einem sozialem und ökologischem Verhalten beitragen, die nicht nur auf die Befriedigung materieller Interessen ausgerichtet ist.

Yamas und Niyamas erscheinen auf den ersten Blick wie die 10 Gebote. Der Unterschied liegt jedoch darin, dass sie eine selbstgewählte Einstellungs- und Verhaltenshygiene darstellen, um leidvolle Spannungen durch Verwicklungen und Konflikte mit sich oder anderen zu vermeiden. Es geht nicht darum störende Emotionen zu unterdrücken, denn dies würde wieder psychische Spannungen hervorrufen. Derartige Emotionen und Impulse sollen wahrgenommen, akzeptiert und auf dem Weg der Yogaübungen gemeistert werden.

Zum dritten Glied gehören Asana (Körperhaltungen). Durch das Ausüben von spezifischen Körperstellungen ist der Übende in der Lage Ausdauer, Kraft, Beweglichkeit und Beständigkeit des Geistes aufzubauen. Neben der körperlichen ist jedoch auch die psychische Wirkung von Asanas zu unterstreichen. Asanas beseitigen den körperlichen Ausdruck psychischer Instabilität, dh. es geht neben dem Aufbau von Kraft, Beweglichkeit und Ausdauer in erster Linie darum die Spannung auf physischer Ebene abzubauen. Asanas regulieren den Muskeltonus und bringen neuromuskuläre Impulse ins Gleichgewicht. Ist das Sitzen für eine bestimmte Zeit ohne Entstehung von Unbehagen möglich, so kann der Übende mit der Ausübung des vierten Glieds (Pranayama) und des fünften Glieds (Pratyahara) beginnen.

Pranayama meint Atemverlängerung oder -ausweitung. Pranayama, als bewusste Atemkontrolle, stellt eine Methode zur Kontrolle des Geistes dar. Durch das fünfte Glied Pratyahara soll die innere Wahrnehmung durch das Zurückziehen der Sinne gesteigert werden.

Pratyahara stellt unter den acht Gliedern eine Sonderstellung dar, indem es die Brücke zwischen der äußeren
Welt und der inneren Welt schlägt. Durch Pratyahara beginnen wir unsere Sinne nach innen zu lenken, beispielsweise durch beobachten unseres Atmens. Im Versuch unsere Konzentration auf einen Punkt, auf ein Objekt zu richten, beginnen wir mit dem üben von Meditation. Erst wenn der Übende in der Lage ist, trotz auftretender Gedanken, Empfindungen und Geräusche seine Wahrnehmung nach innen zu lenken, kann er einen tiefen Konzentrationszustand, deren unterschiedliche Intensitäten in den Gliedern Dharana, Dhyana und Samadhi beschrieben ist, erlangen.

Die Verbindung des fünften, sechsten und siebten Gliedes (Pratyahara, Dharana und Dhyana) bewirkt einen Zustand tiefer Meditation, in welchem Gedanken aufhören zu existieren. Der Höhepunkt aller acht Glieder ist die Erlangung des Samadhi, der vollständigen geistigen Wachheit, die höchste, göttliche Gegenwertigkeit, das absolut höchste Bewusstsein, der Einswerdung mit Gott.

In seinen Lehren betont Patanjali, dass die acht Glieder in der genannten Reihenfolge ausgeführt werden sollen, damit sich Körper, Geist und Verstand zu einer Gesamtheit vereinigen können. Die acht Glieder bauen aufeinander auf, so ist beispielsweise eine fundierte Asanapraxis für die Ausübung von Pranayama unerlässlich. Sobald eine Person in den nach außen gerichteten Gliedern – Yama, Niyama, Asana, Pranayama, Pratyahara – fest verwurzelt ist, können sich die nach innen gerichteten Glieder – Pratyahara, Dharana, Dhyana und Samadhi – von selbst mit der Zeit entfalten.

Große Gurus (Lehrer) wie beispielsweise B.K.S Iyengar sind der Meinung, dass gewöhnliche Menschen nur auf dem Weg der körperlichen Übungen zu einem ausgeglichenen Bewusstsein gelangen und so Patanjali’s vorgeschlagene psychologische Einstellungsänderungen (vgl. Yama und Niyama) erfassen können. Vor allem durch die Übungsglieder Asana und Pranayama, diese dienen zur Formung eines veränderten psychologischen Haltungsmusters, die eine Folge des Reinigungsprozesses ist.