Im Ashtanga Vinyasa Yoga sind ausgewählte Körperstellungen (Asanas) zu Übungsserien zusammengefasst, die sich hinsichtlich erforderter Kraft, Flexibilität und Ausdauer unterscheiden und aufeinander aufbauen. Das Besondere an dieser Yogarichtung ist die Synchronisation von Atem und Bewegung und die fließende Verbindung der einzelnen Stellungen zu einem Ganzen. Bei regelmäßiger Praxis kann diese Methode zu einem Zustand tiefer Konzentration und Zeitlosigkeit führen.

Die Ausführung des Ashtanga Vinyasa Yoga wurde vom indischen Weisen Rishi Vamana im Text Yoga Koruntha beschrieben. Tirumalai Krishnamacharya gilt als “Vater” des heutigen Ashtanga Vinyasa Yoga, sein Schüler Sri. K. Pattabhi Jois als der bedeutendste Lehrer, der bis zu seinem Tod (Mai 2009) im Ashtanga Yoga Research Institute in Mysore, Indien diese traditionelle Yogaform gelehrt und Ashtanga Vinyasa Yoga in den Westen verbreitet hat. Sein langjähriger Schüler und Enkel Sharath Rangaswamy und seine Tochter Saraswathi führen mit großer Hingabe das heutige Ashtanga Yoga Institute (KPJAYI) in Mysore, wo sie Ashtanga Yoga in der Tradition von Sri. K. Pattabhi Jois unterrichten.

In der Literatur wird Ashtanga Vinyasa Yoga oft auch als Ashtanga Yoga geführt und es scheint als ob die Namensgleichheit mit Patanjali’s Ashtanga Yoga gewollt gewählt wurde. Gregor Maehle schreibt diesbezüglich in seiner Einleitung: „I asked the Ashtanga master K. Pattabhi Jois about the Vinyasa method: ‘This is Patanjali Yoga’ he pointed out … Yoga Sutra and the vinyasa method are really only two sides of the same coin“.

Das Grundprinzip der Ashtanga Vinyasa Yoga Praxis besteht aus der kombinierten Anwendung einer tiefen und konstanten Ujjayi Atmung, muskulärer Körperverschlüsse (Bandhas), der Verbindung von Atem und Bewegung beim Vinyasa und der ruhigen Ausrichtung des Blicks (Drishti). Die Verknüpfung dieser Techniken nennt man Yoga Tristana.

Ujjayi

Die Ujjayi Atmung erfolgt durch die Nase, ist sehr kraftvoll und erzeugt Hitze im Körper. Durch die Verengung der Stimmritze werden Einatmung und Ausatmung kontrolliert, bewusst verlangsamt und verlängert. Aufgrund der Luftreibung entsteht ein sanftes Rauschen im Rachenraum. Die Reibung ist subtil, sanft, ohne ein Kratzen hervorzurufen.

Bandhas

Bandhas sind muskuläre Energieverschlüsse. Sie bewirken, dass Energie im Körper komprimiert bzw. gehalten werden kann. Es werden drei Bandhas unterschieden: Mula, Uddiyana und Jalandhara Bandha. Jalandhara Bandha (Kinnverschluss) wird während Kumbhaka, der Atempause im Pranayama, ausgeführt und kommt im Ashtanga Vinysa Yoga nicht vor. Der Ansatz des Uddiyana Bandha („hochfliegender Verschluss“) und Mula Bandha (Dammverschluss) werden hingegen in jedem Asana bewußt aktiviert. Die subtile Kontraktion dieser Muskelgruppen stabilisiert den unteren Rücken, hilft dabei Kraft aufzubauen, verleiht die notwendige Körperspannung und Körperkontrolle, so dass auch herausfordernde Übungen gemeistert werden können und vermittelt dem Übenden bei der Ausführung der Asanas ein Gefühl von Leichtigkeit.

Drishtis

Drishtis sind sogenannte Blick- bzw. Konzentrationspunkte. Sie beziehen sich auf die Richtung, in welche der Praktizierende während jeder Haltung blickt. Es werden insgesamt neun verschiedene Drishtis unterschieden: Nasagrai (Nasenspitze), Broomadhya (zw. den Augenbrauen), Nabi Chakra (Nabel), Hastagrai (Hand), Padhayoragrai (Zehen), Parshva (rechte oder linke Seite), Angushta Ma Dyai (Daumen) und Urdvha oder Antara (nach oben). Drishtis unterstützen den Übenden, in jedem Asana die Aufmerksamkeit nach innen zu lenken und nicht mit den Augen bzw. den Gedanken abzuschweifen. Darüber hinaus helfen sie die Konzentration und das Gleichgewicht zu halten.

Vinyasa Konzept

Unter Vinyasa werden zum einen atemsynchrone Bewegungsabfolgen verstanden, welche die einzelnen Körperhaltungen miteinander verbinden. Die Bezeichnung Vinyasa leitet sich aus dem Sanskritwort „nyasa“ und der Vorsilbe „vi“ ab. Das Sanskritwort „nyasa“ heißt übersetzt „platzieren“ und die Vorsilbe „vi“ auf eine „besondere Weise“. In diesem Sinn werden die Bewegungen des Körpers den Bewegungen des Atems auf „besondere Weise“ angepasst. Das bedeutet, Atem und Körperbewegung werden synchronisiert, wodurch eine harmonische Gesamtheit entsteht. Die Atmung leitet dabei stets die Bewegung ein und nicht umgekehrt.
Die zweite Bedeutung von Vinyasa meint eine spezielle Bewegungsabfolge, die zwischen den einzelnen Sitzpositionen ausgeführt wird. Es werden dabei Kraft und Beweglichkeit gleichermaßen aufgebaut. Zudem wird Wärme im Körper erzeugt, wodurch die Entgiftung gefördert wird.

Die Serien des Ashtanga Vinyasa Yoga

Ashtanga Vinyasa Yoga ist in Serien aufgebaut. Jede Serie besteht aus einer festgelegten Abfolge von Asanas und hat ihren eigenen Schwerpunkt. In der Primary Series, auch Yoga Chikitsa (Yogatherapie) genannt, liegt das Augenmerk auf Vorwärtsbeugen, hüftöffnenden Übungen und Vinyasas. Dabei stehen die Entgiftung und die korrekte Ausrichtung des Körpers im Mittelpunkt. Die Intermediate Series, auch Nadi Shodhana (Reinigung der Nadis/Nerven) genannt, geht eine Ebene tiefer und beeinflusst durch eine Vielzahl an Rückwärtsbeugen stärker das Nervensystem. Dabei wird die Wirbelsäule gestärkt und ihre Flexibilität gesteigert. Die Advanced Series A, B, C, D (Sthira Bhagah Samapta) erfordern ein noch höheres Maß an Flexibilität, Kraft und Demut.

Traditionell beginnt der Übende mit den Asanas der Primary Series, welche die Basis für alle weiteren Serien bildet. Hat er die Stellungen der ersten Serie gelernt, so bekommt der Schüler vom Lehrer einzelne Asanas der Intermediate Series dazu. Wenn der Schüler die Absicht dieser Asanas verstanden hat, genügend Kraft, Ausdauer und innere Stärke aufgebaut hat, ist er bereit die Intermediate Series alleine zu üben. Dieser Vorgang wiederholt sich bei allen anderen Serien.